Keine WM, dafür dezentrale Meisterschaften

Die Weltmeisterschaft in Slowenien wurde um zwei Jahre verschoben und wird hoffentlich 2022 stattfinden. Das ist natürlich schade, aber durchaus nachvollziehbar, da die Unsicherheiten rund um das neue Coronavirus für einen Event mit dieser internationalen Beteiligung ein grosser Faktor ist.

Seit mittlerweile über 10 Jahren gibt es im Ballonsport die FAI Logger. Mit den GPS-Geräten werden bei den Meisterschaften jeweils die Tracks der Ballone aufgezeichnet um Resultate zu generieren und Regelverletzungen zu eruieren. Ausserdem können mit den Geräten Deklarationen gemacht und virtuelle Marker gesetzt werden um die modernen, markerlosen Tasks bestreiten und auswerten zu können. Da die Logger in die Jahre gekommen sind, hat die Ballonkommission der FAI nach Alternativen gesucht. Im letzten Sommer wurde eine erste Version der Balloon Live App publiziert. Diese App kann alle Funktionen der Logger übernehmen, ist aber auf das interne GPS des jeweiligen Geräts (Smartphone oder Tablet) angewiesen. Momentan ist die Entwicklung einer GPS-Box im Gang, die dann über Bluetooth mit dem Endgerät verbunden werden kann. Das soll zu mehr Genauigkeit führen und es soll ein Standard entstehen, der dann auch an grossen Meisterschaften angewendet werden kann.

Dank dieser Balloon Live App gibt es jetzt völlig neue Möglichkeiten, den Ballonsport zu lancieren. Der erste dezentrale Wettbewerb hat bereits begonnen und ein zweiter wird im Juli starten. Die Konzepte ähneln sich, sind aber nicht genau gleich. Alle Informationen, Resultate etc. sind auf watchmefly zu finden. Dort werden auch die Tracks der Piloten hochgeladen und von den Scorern ausgewertet.

Nach etwas Zögern habe ich beschlossen, mich für beide Wettbewerbe anzumelden. Bereits Ende letzter Woche startete der Early Birds 2.0, organisiert von einer Gruppe aus Belgien. Es werden in den nächsten Monaten sieben Aufgabenblätter veröffentlicht, die jeweils während zwei Wochen zu absolvieren sind. Am Schluss fliessen die besten fünf dieser sieben Fahrten in die Wertung ein. Resultate werden jeweils nach Abschluss der zweiwöchigen Slots berechnet und publiziert. Die Fahrten können überall auf der Welt stattfinden. Bisher sind 86 Teilnehmende angemeldet, es kann aber jederzeit noch eingestiegen werden.

Der zweite dezentrale Wettbewerb ist der Balloon Live Contest, der in Zusammenarbeit verschiedener Gruppierungen und Landesverbände (unter anderem waren und sind auch Schweizer involviert) organisiert wurde. Es soll ab Mitte Juli vier bis sechs Aufgabenblätter geben, die dann über eine etwas längere Zeit absolviert werden können. Die Fahrten bei diesem Event müssen in den Lufträumen von Deutschland, Österreich, Luxemburg oder der Schweiz stattfinden. Vermutlich ist die Idee dahinter, dass die COVID-19-Situation in den Ländern beobachtet und somit eine Benachteiligung von einzelnen Staaten minimiert werden kann. Wem das Titelbild des BLC 2020 auf watchmefly bekannt vorkommt hat es vielleicht hier schonmal gesehen 🙂

Diese Art von Ballonwettkampf unterscheidet sich grundsätzlich von allem, was bisher bekannt war. Die Bedingungen werden bei jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer unterschiedlich sein. Dementsprechend müssen die Aufgaben so gestellt werden, dass sie an verschiedenen Orten fahrbar sind. Auf der anderen Seite fallen die oftmals etwas zur Glückssache verkommenen Fahrten in grossen Pulks weg. Es wird sicher spannend sein, wie die Resultate ausfallen. Die Wettbewerbsleiter sind gefordert hier innerhalb der unterschiedlichen Bedingungen faire Aufgaben zu stellen.

Im Rahmend des Early Birds 2.0 gilt es bis spätestens zum 19. Juni vier Aufgaben zu absolvieren: PDG, HWZ, FON und HWZ. Das Tasksheet gibt’s hier. Die HWZ-Ziele sind in alle Himmelsrichtungen verteilt, die anderen beiden Ziele werden sowieso selbst gesetzt. Damit sind die Grundlagen geschaffen um die Aufgaben überall auf der Welt fahren zu können. Besonderheiten sind die 2D-Wertungen aller Aufgaben (die Höhe ist beim elektronischen Markern irrelevant, was bei den Wertungen mit unterschiedlichsten GPS-Sensoren in den mobilen Geräten durchaus Sinn macht) sowie das letzte Ziel, das 12km vom Startpunkt entfernt ist. Es sollte also durchaus etwas Wind vorhanden sein um die Aufgaben zu fahren.

Auf youtube gibts einen kurzen Film von Andrew Robertsons erster Early Bird Fahrt im australischen Winter.

Momentan herrscht Konsens darüber, dass diese Wettbewerbe in der jetzigen Situation Sinn machen. Vermutlich wird sich das Lager schon bald teilen und die Sichtweisen werden differenzierter. Für mich ist das ein Modell mit sehr viel Potenzial. Klar gibt es viele neue Faktoren und allenfalls werden Fahrten bei eher schlechteren Wettkampfbedingungen notwendig, es ist aber klar so, dass die Teilnahme an einem Heissluftballon-Wettkampf noch nie so einfach war. Sollte das von einer Pilotin oder einem Piloten gelesen werden, der an einer Teilnahme interessiert ist, sich aber Unterstützung wünscht, dann würde ich mich gerne zur Verfügung stellen. Falls es Lesende gibt, die in den nächsten Wochen spontan mal bei einer Wettkampfballonfahrt helfen möchten, dürfen die sich auch gerne melden.

Wann ich meine ersten vier Tasks in dieser neuen Form von Event bestreiten werde, weiss ich noch nicht. Ich gedenke an dieser Stelle im Nachhinein darüber zu berichten.

Ein herzliches Dankeschön an alle ideenreichen Geister, die den Ballonsport in dieser Form ermöglichen. Von App-Entwicklern über Wettbewerbs-Offizielle bis zu den Piloten sind grosse Anpassungsleistungen notwendig um auf eine internationale Krise mit solcher Kreativität zu reagieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.